Wie die Sickinger zu ihrem Wappen kamen

14 Gemeinden im Kreis Kaiserslautern, die einst zur Herrschaft Sickingen gehörten, haben das Zeichen dieses im Südwesten so berühmten Adelsgeschlechtes in ihren Ortswappen aufgenommen. Es sind dies: Bann, Gerhardsbrunn , Hauptstuhl, Heimkirchen, Kindsbach, Krickenbach, Landstuhl, Linden, Mittelbrunn, Obernheim - Kirchenarnbach, Queidersbach, Schallodenbach, Schneckenhausen und Wörsbach. Bei dieser Häufung ist es sicher angebracht, sich einmal Gedanken um die Herkunft dieses scheinbar so beliebten Symbols zu machen. Beruf und Berufung eines jeden Ritters war das Kriegführen. Die Reiterkrieger bildeten eine kleine Gemeinschaft, wo jeder jeden an den Eigentümlichkeiten der Figur, der Bewegung, des Ganges, der Stimme oder sonst wie - selbst auf größere Entfernung erkennen konnte. Das Aufgebot der Ritter zu einer Schlacht umfasste selten mehr, meist weniger als 2000 Kämpfer, weshalb es nicht sehr schwer war, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Das änderte sich zur Zeit der Kreuzzüge. Bis ins 12. Jh. genügte der Schild, um sich bei entsprechender körperlicher Gewandtheit vor den Schlagwaffen im Nahkampf zu schützen. Als die Ritter aber immer öfter dem lautlosen Beschuss von Pfeilen ausgesetzt waren, sahen sie sich genötigt, den ganzen Körper und natürlich auch das Gesicht abzudecken. Die Krieger trugen jetzt aus Gründen der Funktionalität fast identische Rüstungen - das Gesicht war dabei unter einem Topfhelm verborgen.

Jetzt war es nicht mehr möglich, sich Klarheit zu verschaffen, wen man als Bundesgenossen und wen man als Widersacher anzusehen hatte. Das einzige Mittel, dem abzuhelfen, bestand darin, sich an geeigneten Stellen deutlich zu kennzeichnen. Was war hier geeigneter als der Schild, dessen Kern aus Holz mit dickem Leder überzogen war. Beliebt - als „Schildbilder" - waren der Adler, der König der Lüfte, den bereits die Römer als Symbol Jupiters beim Kampf mittrugen. Viele nahmen für sich das Zeichen des Löwen, andere führten das Bild eines wilden Ebers im Schild, wieder andere verglichen sich mit dem Falken. Einzig die Sickinger waren entweder schlechte Zeichner oder es fehlte ihnen an Fantasie, vielleicht waren auch alle Symbole, die ihnen gefallen hätten, bereits vergeben. Sie ließen ihren Schild „natur": Das Leder war dunkel - die Mitte des Schildes, der Schildbuckel, war mit einer dicken Eisenniete verstärkt und zusammengehalten - desgleichen die vier Kanten. Jetzt wusste jeder: Das sind die Sickinger mit ihren „Fünf Nieten". Natürlich musste das Metall poliert werden, weshalb es immer silbern glänzte. So erhielt das Geschlecht der Sickinger ein Zeichen von eindrucksvoller Einfachheit - klar durchgliedert, das man in seiner Symmetrie als klassisch bezeichnen darf und das in Deutschland und Europa einmalig ist. Das Wappen der Portugiesen zeigt den „Schild der Sickinger" fünffach. Jeder, dem das eben Gesagte übertrieben erscheint, sollte die Wappen der oben genannten Orte und den des Kreises betrachten, wo die fünf Ballen mit anderen Wappenelementen konkurrieren müssen.

Eine schöne - weil menschliche Sage - verbindet man in Sickingen, dem Herkunftsort der Familie (heute Verbandsgemeinde Oberdertingen im Kraichgau) mit der Entstehung des Wappens: Auf der Stammburg der Sickinger spielte sich im 12. Jh. das uralte Drama von Kain und Abel ab. Zwei Brüder stritten um das Erbe ihres Vaters. Wie so oft sollten die Waffen die Auseinandersetzung der Geschwister entscheiden. Bevor tatsächlich brüderliches Blut vergossen worden war, habe die Mutter der beiden den salomonischen Rat erteilt, da es gerade Winter war und wieder einmal Schnee lag, den Streit durch eine Schneeballschlacht zu entscheiden. Andere Quellen lassen die feindlichen Brüder ein Zielwerfen mit Schneebällen austragen - die Sache mit der Schneeballschlacht gefällt mir besser. Der Sieger - der „Si(e)ckinger" - durfte bleiben und Burg und Ort erhielten den Namen Sickingen; der Verlierer - der Fl(i)ehinger - musste in den Nachbarort fliehen und begründete in Flehingen den Stamm der Flehinger. Im Wappen der Sickinger befinden sich folglich als Zeichen ihres Triumphes fünf Schneebälle. Heute sind beide Orte wieder brüderlich vereint.

Selten wurde eine Mutter mütterlicher gezeichnet, weshalb unsere Geschichte sicher wert ist, in den Sagenschatz aller Orte, die die "Fünf Schneeballen" in ihrem Wappen führen, aufgenommen zu werden.

Text: Erich Bader